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Radsport
Als wir begannen, im Jahr 2011 diese Chronik zum Altglienicker Sport zu erstellen, gab es zum Thema Radsport in Altglienicke nur ein Foto einer Radsportgruppe. Das reichte zwangsläufig nicht aus, um Aussagen zu treffen, welchen Stellenwert der Radsport im Ortsteil Altglienicke hatte. Im Jahr 2021 fanden wir in der sozialdemokratischen Zeitung "Vorwärts" einige weitere Informationen über den Altglienicker Arbeiter-Radsport. (Quelle der nachfolgenden Zeitungsartikel auf der Seite Radsport: Friedrich Ebert Stiftung Bonn, digitales Zeitungsarchiv- "Vorwärts"/"Der Abend").
1896- Der Beginn
Um den Gesamtüberblick über den Arbeiter-Radsport ein wenig zu schärfen, wollen wir einen Artikel aus der Zeitung "Vorwärts" an den Anfang stellen. Dieser wurde aus Anlass des 28.Stiftungsfestes der Ortsgruppe Friedrichshain des "Arbeiter Radfahrerbundes Solidarität" geschrieben. Zu entnehmen ist, dass die Gründung des "Arbeiter Radfahrerbundes Solidarität" 1896 in Offenbach erfolgte. Der "Arbeiter Radfahrerbund Solidarität" war der größte Arbeiterradsport-Dachverband in Deutschland.  Durch den Bürgerverein Altglienicke erhielten wir das nachfolgende Foto aus einer privaten Sammlung mit Wimpeln und Darstellungen zum Arbeiter Radsport. Informationen über die bürgerlichen Radsportverbände findet man am Ende dieser Seite.
1900 bis 1908
In Altglienicke gründete sich im Jahr 1900 der "Arbeiter Radfahrerverein Vorwärts Altglienicke", der Mitglied des Arbeiter Radfahrerbundes Solidarität wurde. Die Vereinsgründung konnten wir einem Eintrag in der Zeitung "Vorwärts" vom 13.08.1909 entnehmen (siehe später auf dieser Seite). Somit war dieser Verein der erste organisierte Arbeitersportverein im Ortsteil. Die Mitgliedschaft im Dachverband "Solidarität" wurde erstamalig in einer Veröffentlichung über den Vereinsversammlungstag in der Zeitung "Vorwärts" vom 26.11.1901 nachgewiesen.
Ein weiterer "kleinerer" Dachverband war der "Arbeiter Radfahrerbund Freiheit", der 1904 in Berlin gegründet wurde. Nachfolgend Auszüge von Vereinsmitteilungen aus der Zeitung "Vorwärts" vom 20.07.1904 und 03.08.1904.
Der "Arbeiter Radfahrerbund Solidarität" und der "Arbeiter Radfahrerbund Freiheit" konkurierten bei der Steigerung ihrer Mitgliederzahlen, da jeder Verband auf seine Eigenständigkeit pochte. Im nebenstehenden Artikel vom 30.07.1904 kommt die Abneigung der beiden Dachverbände aus Sicht des "Arbeiter Radfahrerbundes Solidarität" deutlich zum Ausdruck. Im "Arbeiter Radfahrerbund Freiheit" konnten wir in den Zeitschriften keine Altglienicker Radsportvereine finden. Vereine, die zu diesem Dachverband gehörten waren u.a. Arbeiter Radfahrerverein Berlin, Stern , Ziel (Adlershof), Norden, Voran I und II, Komet, Köpenick 1902, Gleichheit, Courier, Panther, Frohes Ziel, Blitz, Delphin (unvollständig). Die beiden Dachverbände konkurierten u.a im Rahmen jährlicher zentraler Veranstaltungen. Der Dachverband Solidarität führte u.a. am 25.07.1905 in Moabit ein Gau-Sportfest durch, der Dachverband Freiheit feierte u.a. am 30.07.1907 bei Haberecht in Altglienicke. Haberecht war als Veranstaltungsgastätte in diesen Jahren angesagt wie ein weiterer Zeitungsausschnitt von einem geplanten Vergnügen eines ortsfremden Radsportvereins zeigt. Die Vereine beider Dachverbände führten regelmäßig Radtouren durch, die teilweise in Altglienicke begannen oder endeten. Außerdem nutzte man Altglienicker Gaststätten für gesellige Zusammenkünfte, wie die nachfolgenden Zeitungsausschnitte aus dem Jahr 1904 und 1905 belegen; u.a. die Gaststätten Haberecht in der Friedrichstraße 2 (heute Semmelweissstraße), Heinrich Saß in der Grünauer Straße 29 und Witte in der Köpenicker Str. 33 (später Höft).
Der "Arbeiter Radfahrerverein Vorwärts Altglienicke" schaltete in den Jahren von 1901 bis 1908 regelmäßig Anzeigen in der Zeitung "Vorwärts" über Termine von Versammlungen oder Veranstaltungen wie der nachfolgende Auszug vom 14.03.1906 belegt (weitere sind bekannt).
1909 bis 1918
Durch die nachfolgenden Anzeigen in der Zeitung "Vorwärts" vom 13.08.1909 und vom 22.07.1910 ist belegt, dass sich der "Arbeiter Radfahrerverein Vorwärts Altglienicke" im Jahr 1900 gegründet hatte. Beide genannten Stiftungsfeste fanden im Terrassenkaffee des Herrn Troppens in der Rudower Straße 54 statt. Diese Gaststätte wurde ab 1909 eine der wichtigsten Gaststätten sowohl für den Arbeitersport als auch für politische Veranstaltungen der Sozialdemokratie in Altglienicke.
Nachfolgend zwei Fotos dieser Gaststätte, die wir vom Bürgerverein Altglienicke erhielten. Links nachfolgend der Eingang zur Gaststätte, rechts daneben der große Festsaal. Die Fotos stammen aus der Zeit als die Gaststätte durch Hubert Rodenbusch betrieben wurde (davor noch kurzeitig durch Petermann/ab ca. 1920 durch Alfred Bodendieck).
Durch den Bürgerverein Altglienicke erhielten wir eine Postkarte von drei Radsportlern des "Arbeiter Radfahrervereins Vorwärts Altglienicke". Wir wissen nicht verbindlich, aus welchem Jahr dieses Fotos stammt. Wir vermuten, dass es sich entweder um ein Foto vom neunten Stiftungsfest am 15.08.1909 oder vom 10.Stiftungsfest des Vereins am 24.07.1910 handelt. Auf dem Foto sieht man die Radfahrer neben einem Pavillon. Dieser stand im Garten der Gaststätte Troppens (Rodenbusch), wie die nebenstehende Postkarte belegt. Auf dem Foto des Gartens sieht man links vom Pavillon den Kirchturm. Auf der Rückseite der Postkarte schrieb der Verfasser u.a. sinngemäß: "..... wir waren beim Radfahrervergnügen und haben uns amüsiert. Durch unser Vereinsabzeichen erhielten wir verbilligten Zutritt .....". Auf Grund des Wortes "Radfahrervergnügen" kann man eigentlich ableiten, dass das Foto auf einem Stiftungsfest gemacht wurde.
Die sozialdemoktratischen Organisationen in Altglienicke führten im Terrassenkaffee bei Troppens regelmäßig Veranstaltungen durch. Bei einigen Veranstaltungen gab es Aufführungen der Radsportler des "Arbeiter Radsportvereins Vorwärts Altglienicke", wie der nachfolgenden Einladung vom 21.07.1909 zu entnehmen ist. Auch die ortsfremden Radfahrervereine hatten Altglienicke oftmals als Ziel ihrer Radtouren benannt, wie die nachfolgenden Ankündigungen vom 28.05.1909, vom 22.10.1909 sowie vom 03.01.1914 belegen. Dabei war zumeist das Terrassenkaffe Troppens in der Rudower Straße 54 als Zielpunkt oder Startpunkt festgelegt.
Weitere Ankündigungen mit Bezug zum Radsport bzw. mit Bezug zur Gaststätte Troppens fanden wir in der Zeitung "Vorwärts" vom 30.01.1914 sowie vom 01.08.1914. An diesem 01.08.1914 begann der 1.Weltkrieg. Aus der Zeit des 1.Weltkrieges vom 01.08.1914 bis zum 11.11.1918 haben wir vom "Arbeiter Radfahrerverein Vorwärts Altglienicke" in den Zeitungen keine Informationen gefunden. Wir denken, dass der Sportbetrieb der Altglienicker Radfahrer dem Grunde nach eingestellt wurde. Auf Grund dieses Sachverhaltes recherchieren wir auch nicht über die Aktivitäten des Dachverbandes Solidartät.
1919 bis 1933 (noch in Recherche)
Nach dem Ende des 1.Weltkrieges konnte sich der Arbeiter-Radsport recht schnell wieder organisieren. Wir denken, dass der Dachverband "Solidarität" auch im 1.Weltkrieg organisiert war, jedoch ist über den Sport in den Zeitungen in der Zeit des Krieges wenig geschrieben worden. Erste Mitteilungen über den Radsport findet man ab 1919 wieder regelmäßig in den Sportteilen von Tagesezeitungen z.B. am 21.03.1919 oder am 20.04.1919 in der "Freiheit" (Quelle: Friedrich Ebert Stiftung Bonn, digitales Zeitungsarchiv). Aber auch in Sportzeitungen, wie z.B. "Der Arbeitersport" (Quelle: Staatsbibliothek, "Der Arbeitersport" vom September 1919) wurden Verbands- oder Vereinmitteilungen veröffentlicht.
Bei der Recherche zum Arbeiter-Radsport nach dem 1.Weltkrieg haben wir bisher aus den Jahren 1918 bis 1930 keine Informationen über die Weiterexistenz des ehemaligen "Arbeiter Radfahrervereins Vorwärts Altglienicke" gefunden. Den Namen "Altglienicke" findet man wieder in zwei Bekanntmachungen über Sitzungstermine am 31.07.1931 und am 30.10.1931. Dabei wird der alte Vereinsname nicht genannt, sondern eine "Abteilung Altglienicke" aufgelistet. Es wird unsererseits weiter recherchiert.
1928 wurde der "Arbeiter Radfahrerbund Solidarität" in "Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität" umbenannt. Im Mai 1933 wurde der "Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität" von den Nationalsozialisten verboten. Man schloss sich nicht dem "Deutschen Radfahrer Verband" an (siehe nachfolgend). Ob sich Mitglieder des "Arbeiter Radfahervereins Vorwärts Altglienicke" bzw. der "Abteilung Altglienicke" bürgerlichen Radfahrvereinen angeschlossen hatten oder ob sich Mitglieder in einem bürgerlichen Radfahrerverein neu organisierten, können wir derzeit nicht sagen.
Die bürgerlichen Radsportvereine
Weit vor der Gründung der Arbeiter Radsportverbände und -vereine gründeten sich bürgerliche Radfahrer-Vereinigungen. Nachfolgend eine kurze unvollständige Auflistung einiger Meilensteine. Wir haben uns auf diese kurze Aufstellung beschränkt, weil uns bisher keine bürgerlichen Altglienicker Radfahrervereine bekannt sind (Quelle: Wikipedia, verschiedene).
17.08.1884- Gründung des Deutschen Radfahrerbundes (DRB),
1885- Gründung des Allgemeinen Deutschen Radfahrerverbandes (ADRV),
1886- Gründung der Allgemeinen Radfaher Union (ARU),
1919- DRB und ARU fusionierten zum Bund Deutscher Radfahrer (BDR),
13.04.1933- Der BDR wurde in den "Deutschen Radfahrer Verband" (DRV) überführt, der Mitglied im Fachamt 15 des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen (DRL) wurde,
31.05.1945- Verbot des DRV durch das Gesetz Nr. 5 der amerikanischen Militärregierung.
ab 1945
Der "Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität" wurde unter dem neuen Namen "ARKB Solidarität" für das Gebiet der Westzonen/BRD im Jahr 1949 wieder neu gegründet. 1954 trat die Solidaritätsjugend Deutschland dem ARKB bei. Die Neugründung des "Bundes Deutscher Radfahrer" (BDR) als Nachfolger des Dachverbandes der bürgerlichen Radsportvereine erfolgte in den Westzonen im Jahr 1948. Zwischen dem ARKB Solidarität und dem BDR gab es in den folgenden Jahren Kompetenzgerangel und Streitigkeiten. 1977 wurde der ARKB Solidarität in den Deutschen Sportbund (DSB) aufgenommen. Bis heute existieren beide Radsportverbände parallel im Deutschen Sport Bund. Am 15.11.2015 wurde das (A) aus dem Vereinsnamen des ARKB Solidarität gestrichen, so dass der Verein heute "KRB Solidarität Deutschland 1896 e.V." heisst.
Auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone wurde 1948 der Deutsche Sportausschuss mit einer Sektion Radsport gegründet. Am 18.05.1958 (Leipzig) ging die Sektion Radsport unter dem Dach des 1957 gegründeten Deutschen Turn und Sport Bundes in den Deutschen Radsportverband der DDR über. 1990 traten die Mitglieder des Deutschen Radsportverandes der DDR dem Bund Deutscher Radfaher der BRD bei. Zur regionalen Entwicklung des Radsportes in Berlin nach 1945 haben wir noch nicht recherchiert.
In Altglienicke gab es nach dem 2.Weltkrieg keinen organisierten Radsport bzw. keinen Radsportverein mehr. In einigen Abteilungen der VSG Altglienicke e.V. gehören Radtouren jedoch zum festen Übungs- und Freizeitprogramm. Nachfolgend ein Auszug aus einem Jahresplan der Alterssportler, ein Foto der Alterssportler bei einer Radtour im Jahr 2008, ein Foto von Volleyballern bei einer Radtour im Jahr 2007 sowie ein Auszug aus dem Jahresplan der Abteilung Gymnastik aus dem Jahr 2009.
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