Arbeitersport 1914-1934 - Chronik-Geschichte

- Sportpolitik -
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1914 bis 1918- Arbeitersport während des 1.Weltkrieges
Während des 1.Weltkrieges kommt der Arbeitersport fast zum Erliegen. In "Wolter- Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg" ist zu finden, dass der Arbeiterfußball in Berlin-Brandenburg nahezu eingestellt wurde. In "Skorning- Fußball in Vergangenheit und Gegenwart" ist zu lesen, dass während des 1.Weltkrieges die Mitgliedsvereine im A.T.B. von 2411 auf 890 zurückgingen. Die Mitgliederzahl verringerte sich von 186.958 auf 40.211. Dieser Verlust traf sicherlich anteilig auch für die anderen Sportarten im Arbeitersport zu.
Skorning schreibt über den Arbeiterfußball in Berlin-Brandenburg im Jahr 1917: "...Im 1.Kreis Berlin-Brandenburg gab es in allen vier Spielbezirken des M.S.V. (Erklärung: Märkische Spiel Vereinigung als Unterverband des A.T.B.) nur noch 23 spielfähige Mannschaften. Im Kreis 2 (Sachsen-Anhalt/Braunschweig) waren es nur noch acht Mannschaften..."
Über den Arbeitersport in Altglienicke aus den Jahren 1914 bis 1918 haben wir derzeit nachfolgende Informationen:
- Turn und Sport Vereinigung Altglienicke 1906- Sparte Turnen und Leichtathletik- keine Informationen,
- Turn und Sport Vereinigung Altglienicke 1906- Sparte Fußball- keine Teilnahme am Spielbetrieb der M.S.V.
- Turn und Sport Vereinigung Altglienicke 1906- Sparte Schwerathletik- keine Informationen,
- Arbeiter Radsportverein Vorwärts Altglienicke- keine Informationen,
- Weitere Arbeitersportvereine in Altglienicke- nicht bekannt.
1919 bis 1921- Der Wiederbeginn des Arbeitersports
Auf dem 12.Bundestag des A.T.B. vom 08. bis 12.06.1919 in Leipzig wurde der A.T.B. in Arbeiter Turn und Sport Bund (A.T.S.B.) umbenannt. Auf diesem Bundestag wurde über die Aktivierung des Arbeitersports in Deutschland befunden. Durch die Einführung des Achtstundentages sowie u.a. durch die Reform der Vereinsgesetzgebung oder der Abschaffung der Gesindeordnung auf dem Lande gab es für die Arbeiter mehr Möglichkeiten zur Ausübung von sportlichen Betätigungen. Damit kam es unmittelbar nach dem Ende des 1.Weltkrieges zu einem gewaltigen Aufleben der Arbeitersportbewegung. Durch den Mitgliederzuwachs in der Arbeitersportbewegung sah man sich gegenüber der bürgerlichen Deutschen Turnerschaft als zumindest gleichberechtigten Partner an und setzte sich sportpolitisch mit dieser bürgerlichen Turnorganisation auseinander. Auch die Deutsche Turnerschaft giftete gegen die Arbeitersportbewegung. Ferdinand Götz war als Vorsitzender der Deutschen Turnerschaft der schärfste Verfechter der Trennung zwischen bürgerlichen und Arbeitersport. Nach seiner Theorie besaß der Arbeitersport weder die sittlich noch die nationale Reife für einen Sportverband im Sinne der Deutschen Turnerschaft. In einem Artikel der Arbeiter Turn Zeitung aus dem Jahr 1924 wurden Ferdinand Götz und die Deutsche Turnerschaft aus Sicht des Arbeitersports charakterisiert (Quellen: Texte-Wikipedia verschiedene/ Zeitungsausschnitt: Staatsbibliothek Arbeiter Turn Zeitung Ausgabe 1924).
Ab dem Jahr 1919 gibt es sichere Nachweise, dass die Sportler der TuSV Altglienicke 06 wieder am Sportbetrieb der Dachorganisationen des Arbeitersports in Berlin-Brandenburg teilnahmen. In der Zeitschrift "Der Arbeitersport" haben wir Informationen gefunden, dass in der TuSV Altglienicke 06 die Abteilungen Fußball, Turnen und Schwerathletik existierten. Die Fußballer waren innerhalb des A.T.S.B. der Märkischen Spiel Vereinigung (M.S.V.) angegliedert, die Turner gehörten direkt zur Sparte Turnen im A.T.S.B. und die Schwerathleten (Ringen, Boxen und Gewichtheben) waren innerhalb des Arbeitersports Mitglieder des Arbeiter Athleten Bundes. Alle Abteilungen waren aber selbständige Unterabteilungen der TuSV Altglienicke 06 (Quelle: Staatsbibliothek, Der Arbeitersport, Jahrgang 1920 verschiedene). Nachfolgend zwei Informationen von den Fußballern von der Serie 1918/1919 (Quelle siehe Bild unten) und von einer Versammlung 1920 (Quelle: Staatsbibliothek, Arbeiter Sport), ein Foto der Schwerathleten aus dem Jahr 1921 (Quelle: Bürgerverein Altglienicke) und eine Ergebnismeldung der Turnerinnen vom 14.03.1920 (Quelle: Staatsbibliothek, Arbeiter Sport).
Im Jahr 1920 feierte die TuSV Altglienicke 06 ihr 14. Stiftungsfest; basierend auf dem Gründungsjahr eines der Erstvereine des Arbeitersports- des Bewegungs Spiel Clubs Freiheit 1906. Beachtlich in der Mitteilung über das 14. Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06 ist die Teilnehmerzahl von 500 Anwesenden (Quelle: Staatsbibliothek, Der Arbeitersport, Ausgabe aus 1920).
1922 bis 1927- Der Arbeitersport stabilisiert sich; auch in Altglienicke
Nach dem 1.Weltkrieg sowie nach der Wiederbelebung des Arbeitersports in Deutschland in den Jahren von 1919 bis ca. 1921 wurden in nahezu allen Sportarten des Arbeitersports regelmäßige Wettkampfrunden organisiert und durchgeführt. Dabei stiegen die Mitgliederzahlen der Arbeitersportvereine stetig an.
In diesem Zeitfenster führten die Sportler der Turn und Sport Vereinigung Altglienicke 1906 einen relativ konstanten Spiel- und Turnbetrieb durch. Leider gibt es noch zu wenige Informationen, so dass wir an dieser Stelle einfach Info-Splitter aus dieser Zeit auflisten, um diese ggf. nach Vorliegen vertiefender Informationen weiter zu untergliedern und zu untersetzen. Dabei listen wir an dieser Stelle nur zentrale Veranstaltungen bzw. sportpolitische Veranstaltungen auf. Die Daten über die unmittelbaren Sportaktivitäten in der TuSV sind den jeweiligen Seiten unter dem Link "Abteilungen" zu entnehmen.
- 05.02.1922- Vorturnertreffen des Bezirkes 5 des Kreises 1 in der Turnhalle der Gemeindeschule Köpenicker Straße als zentrale Veranstaltung des Bezirks,
- Ab 1923 (Vermutung) wird die Kreisstruktur des A.T.S.B. reformiert. Ab diesem Zeitpunkt findet man in den amtlichen Mitteilungen für den Kreis 1 Berlin-Brandenburg nur noch vier Unterbezirke. Wir denken, dass die TuSV Altglienicke 06 in den Bezirk 1 des Kreises 1 eingeordnet wurde, denn zum Bezirk 1 gehören auch Vereine aus Grünau, Adlershof und Neukölln.
In einer Ausgabe der Zeitung "Vorwärts" aus dem Jahr 1924 findet man Informationen über die Schwerathleten der TuSV und über eine Gruppe Schach aus Altglienicke.
Die TuSV Altglienicke 06 gründete Mitte der 20er-Jahre eine Spielsparte Handball. Das exakte Gründungsdatum ist noch unklar. Eine erste Annahme, dass die Handballer ab ca. 1921 existierten, ist derzeit nicht mehr haltbar (Recherchestand 2021). Nachweislich ist bisher ein Spielbetrieb der Handballer Anfang der 30er-Jahre. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die Handballer ab ca. 1926 als Spielsparte dem Bereich Turnen des A.T.S.B. angegliedert waren.
1928 bis 1930- Die Spaltung der Arbeitersportbewegung
Auf dem Bundestag des A.T.S.B. vom 22. bis 26.06.1928 erfolgte die Spaltung der Arbeitersportbewegung. Bereits bestehende politische Widersprüche zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Strömungen im Sport beeinflussten diesen Bundestag. Auf dem Bundestag wurden die Sportkameraden Zobel, Friedmann, Hutmann, Wiest, Priezel und weitere aus dem A.T.S.B. ausgeschlossen. Nach dem Bundestag mussten sich die A.T.S.B.-Vereine schriftlich erklären, dass sie die auf dem Bundestag beschlossenen Statuten des A.T.S.B. anerkennen. Das machten eine Vielzahl von Vereinen nicht und lösten sich vom A.T.S.B. (Quelle: HU, Campus Nord, Arbeiter Turn Zeitung 1928 verschiedene Ausgaben).
In den Veröffentlichungen zu dieser Spaltung gab es die unterschiedlichsten Meinungen. Berichtete die Arbeiter Turn Zeitung aus dem Blickwinkel des sozialdemokratischen Sports, so wurde in der Roten Fahne bzw. in der Zeitschrift Rot-Sport diese Spaltung aus Sicht der kommunistischen Sportbewegung kommentiert. Auch in viel späteren Veröffentlichungen in der DDR oder in der BRD wurden die Vorgänge um die Spaltung logischerweise unterschiedlich bewertet.
Nachfolgend eine Zusammenstellung der Mitgliedsvereine des A.T.S.B. für den Kreis 1- Berlin-Brandenburg aus verschiedenen Jahren. Man erkennt den drastischen Rückgang der Vereinszahlen im A.T.S.B. nach der Spaltung. Man erkennt aber auch, dass der A.T.S.B. nach der Spaltung nicht zusammenbrach, wie es in vielen Zeitschriften der kommunistischen Sportbewegung zu lesen war.
Die Sportler der TuSV Altglienicke 06 verblieben nicht im A.T.S.B. Das ist u.a. dadurch belegt, dass in der Arbeiter Turn Zeitung vom 10.10.1928 alle verbliebenen Vereine des A.T.S.B. aufgelistet wurden. Eine TuSV Altglienicke 06 bzw. einen anderen Altglienicker Verein gibt es in dieser Aufstellung nicht mehr. In wie weit die Schwerathleten der TuSV einen Dachverbandswechsel vornahmen, haben wir noch nicht recherchiert.
Am 21.10.1928 konstituierten sich die ausgeschlossenen Vereine in Berlin. Die verbliebenen Vereine im A.T.S.B. führten eine konstituierende Sitzung am 28.10.1928 in Brandenburg durch. Waren die Strukturen im A.T.S.B. dem Grunde nach unverändert, so mussten sich die ausgeschlossenen Vereine neu organisieren. Die vom A.T.S.B. ausgeschlossenen Vereine gründeten am 26.05.1929 die Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport (IG). Zu einer Wiedervereinigung kam es jedoch nie. In der IG organisierten sich bis 1930 ca. 570 Vereine aus allen Teilen Deutschlands. Auf Grund der Vielzahl der Vereine beschloss die IG zu Pfingsten 1930 ein 1. Reichstreffen der "Revolutionären Kräfte des Arbeitersports" in Erfurt durchzuführen. An dieser Veranstaltung nahmen ca. 40.000 Sportler teil. Am 07.12.1930 wurde aus der "Interessengemeinschaft" die "Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit (KG)" als der neue Dachverband. Im Vorstand der KG wirkten u.a. Ernst Grube und Paul Zobel mit, nach denen in der DDR zwei Berliner Sportanlagen benannt wurden (ehemaliger Sportplatz in Spindlersfeld und Sportplatz von Einheit Pankow). (Quellen: u.a. Skorning, Fußball in Vergangeheit und Gegewart, Sportverlag Berlin 1978 und HU Campus Nord Arbeiter Turn Zeitung vom 10.10.1928).
Die Fußballer der TuSV Altglienicke 06 verblieben im Dachverband der Arbeiter-Fußballer des Kreises 1- Berlin-Brandenburg; der Märkischen Spiel Vereinigung, die als Dachverband ebenfalls aus dem A.T.S.B. ausgeschlossen wurde und zur IG/KG übertrat. Man findet Ansetzungen und Ergebnisse von Fußballern der TuSV Altglienicke 06 ab der Spaltung der Arbeitersportbewegung in der Zeitschrift „Der Arbeiterfußball“, welche über den Fußball in der Märkischen Spiel Vereinigung berichtete. Im A.T.S.B. wurde u.a. eine neue Fußballvereinigung unter der Bezeichnung „Spielvereinigung des 1. A.T.S.B.-Kreises“ gebildet (Informationen aus Wolter, Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg, sowie Staatbibliothek: Der Arbeiterfußball, 1929 verschiedene).
In der Zeitschrift "Rot-Sport" haben wir aus den Jahren 1929 und 1930 Informationen über die Turner der TuSV Altglienicke 06 gefunden. Da die Zeitschrift "Rot-Sport" das Organ der IG bzw. der KG (siehe oben) war, ist damit belegt, dass auch die Turner der TuSV vom A.T.S.B. zur IG/KG wechselten. Das gleiche traf für die Handballer der TuSV Altglienicke 06 zu. In der Zeitschrift "Rot-Sport", z.B. in der Nr. 1 des 9. Jahrgangs, findet man Tabellen mit Altglienicker Handballmannschaften der TuSV (Quelle: Staatsbibliothek, Rot-Sport, verschiedene Ausgaben). Nachfolgend ein Ausschnitt aus der Zeitung Rot-Sport (Quelle: Staatsbibliothek) mit einem Bericht über ein Werbefussballturnier der TuSV sowie Fotos der Handballer und von einem Festumzug der TuSV (Quelle: jeweils Bürgerverein Altglienicke).
ab 1933- Das Verbot der Arbeitersportbewegung; Arbeitersport im Untergrund?
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.01.1933 wurden per Verfügung vom 21.06.1933 die Dachorganisationen des Arbeitersports sowie alle Arbeitersportvereine verboten und aufgelöst. Ab dem 01.10.1933 konnten unter bestimmten Bedingungen Arbeitersportler Mitglied in bürgerlichen Vereinen oder Fachverbandsvereinen werden. Mit der Auflösung der Arbeitersportvereine endete in Deutschland und natürlich auch in Altglienicke (TuSV Altglienicke 1906) die Existenz des Arbeitersports als selbständige Organisationsform.
Im Archiv der Humboldt-Universität haben wir bei unseren Recherchen als Abschrift vier Ausgaben der Zeitung "Rot-Sport" gefunden, die nach dem Verbot des Arbeitersports herausgegeben wurden (2 x Juni, September, November 1934). Wir gehen davon aus, dass diese Blätter illegal geschrieben und verteilt wurden. In einer der Juniausgaben wurde von der Verteilung von 1000 Stück der Zeitschrift berichtet. Inhalte dieser Ausgaben sind hauptsächlich Informationen über politische Maßnahmen der Arbeitersportler wie z.B. Flugblattaktionen zum 1.Mai, Anbringen von Sowjetsternen u.a. Es gibt jedoch auch einen kleinen Bericht über eine Sportveranstaltung der Wasserfahrer, die am 29.03.1934 ihr Ansegeln durchführten; sicherlich als privat organisierte Veranstaltung. Bei diesem Ansegeln wurden 200 Luftballons mit politischen Flugblättern befüllt, aufgeblasen und auf den Gewässern abgelegt (Quellen: siehe oben). Es ist unglaublich spannend, diese Zeitungen zu lesen.
Ob in Altglienicke durch die Arbeiter-Sportler der TuSV Altglienicke 06 nach dem Verbot des Arbeitersports auch "illegale" Veranstaltungen durchgeführt wurden, ist uns nicht bekannt und ist sicherlich auch nicht mehr recherchierbar. Nachweislich ist aber, dass Sportler der TuSV in die bürgerlichen Vereine MTV Spieß Altglienicke und Altglienicker Ballspiel Club 09 übergetreten sind.
© VSG Altglienicke e.V.
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