Vorwendezeit - Chronik-Geschichte

- Sportpolitik -
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DDR-Sport
1981-1989 Vorwendezeit
Liest man sich die ca. 100 Vorstandsprotokolle von 1980 bis 1989 durch, so kommt es einem vor, als hat man teilweise die Meldungen der Aktuellen Kamera des DDR-Fernsehens vor sich. Es war eine völlig unspannende Zeit. Der Sportbetrieb lief wie immer normal ab- mit allen Höhen und Tiefen. Die wesentlichen Inhalte der Protokolle hatten fast immer die gleichen Themen. Es ging um die Werterhaltung im Sportheim und auf dem Platz sowie um die Erfüllung der staatlichen Auflagen. Jedes Protokoll gab einen Überblick über die geleisteten VMI-Stunden und über die Einhaltung des Pflegevertrages. Berichte wurden gegeben über die abgelegten Sportabzeichen und über die Beitragskassierung für den DTSB einschl. der Höhe der Rücklaufgelder und die Höhe des Spendenaufkommens. Wichtig waren auch die Feiern oder Sportfeste, wie z.B. WBA-Feste, Frühlingsläufe, Feiern zur Gründung der DDR. Aber auch die Organisation der vereinsinternen Veranstaltungen nahmen einen großen Platz auf den Blättern der Protokolle ein. Ab und zu gab es kleine, lustige oder nachdenkliche Beiträge in den Protokollen, die einen gesonderten Kommentar verlangen.
Bei der Vorbereitung von Sportfesten oder geselligen Veranstaltungen wurde 1983 in der VSG ein sogenannter "Vergnügungsausschuss" gebildet. Wie würde man heute diesen Begriff nur interpretieren? Derartige gesellige Veranstalgungen mussten außer beim Sportamt noch offiziell gemeldet werden. Hierzu gab es eine Instanz, die im nachfolgenden Vorstandsprotokoll vom 19.05.1983 erwähnt wurde. Abteilung "Erlaubniswesen" was es nicht alles gab?!
Zur zentralen Berliner Maidemonstration am 01.05.1983 musste die VSG einige Teilnehmer stellen. Die Abteilung Fußball war bereit, eine Delegation von Jugendlichen zu verpflichten. Das war ein genialer Gedanke. Leider hatten die Teilnehmer am Abend vorher wahrscheinlich eine lustige Feier. Unsere Teilnehmer erschienen bei strömenden Regen in sehr salopper Kleidung (jemand soll wohl einen fürchterlichen Regenmantel angehabt haben, der heute als overdressed bezeichnet würde). Kurz vor dem Vorbeimarsch an der Partei- und Staatsführung wurde diese sogenannte Zusammenrottung aus dem Marschblock entfernt. Politisch korrekt wertete der Vorstand diesen unglaublichen Vorgang in der Vorstandssitzung vom 19.05.1983 mit nachfolgendem Protokolleintrag aus.
Dieser Chronikeintrag erscheint vielleicht etwas banal. Wenn man jedoch einmal in Ruhe nachdenkt, kann man vielleicht nachempfinden, dass viele staatlich verordnete Dinge zu dieser Zeit bereits überaus lächerlich betrachtet wurden. Der Vorstand hat die Angelegenheit locker abgetan.
Ab dem Jahr 1983 versuchte die VSG Kontakt mit den Schulen aufzunehmen, um Kinder für den Vereinssport zu werben. Die Schulen untersagten der VSG, in die Klassen zu gehen. Im Vorstand wurde der Vorgang protokolliert. Das DDR-Sportsystem war auf Kadersuche ausgerichtet. Da hatten kleine private Sportvereine bei der Suche nach Nachwuchssportlern gefälligst hinten anzustehen.
Ein besonderes Prunkstück von politischem Stumpfsinn erhielten die Fußballer der VSG Anfang 1986. Eine große Betriebssportgemeinschaft hatte sich bemüßigt gefühlt, alle Vereine aufzufordern, sich zu "11 Besonderen Taten" zu Ehren des 11.Parteitages der SED zu verpflichten. Dieses öffentliche Papier wurde sicherlich von außenstehenden Funktionären dieser BSG (z.B. betrieblichen Sportorganisatoren) erstellt. Zur Erinnerung: Der 11.Parteitag der SED fand vom 17. bis 21.04.1986 in Berlin statt. Auf diesem Parteitag sprach u.a. Michael Gorbatschow. Es war der letzte Parteitag der SED vor der Wende. Nachfolgend Auszüge aus dem oben erwähnten Papier; leider schlecht lesbar.
Bei der VSG gab es auch Festlegungen zur Entwicklung der Gemeinschaft, die zumeist intern und unter rein sportlichen Aspekt protokolliert wurden. In den Protokollen der VSG-Jahreshauptversammlungen wurden diese Festlegungen ggf. ein wenig "in von oben gewünschten Worten" verpackt.
Im Jahr 1987 wurde die VSG ausgezeichnet- wofür ? Sie erhielt eine Auszeichnung für die "beste Sportstätte" des Stadtbezirks Treptow; sicherlich auf Grund des unermüdlichen Einsatzes zur Werterhaltung der Sportstätte. Die Prämie wurde zweckgebunden verwendet. Ob es die DDR-Heckenschere heute noch gibt???
Im Jahr 1987 begann der verstärkte Wohnungsbau in Altglienicke. In der Vorstandssitzung vom 10.12.1987 wurde eingeschätzt, dass auf die VSG neue Aufgaben zukommen. Die VSG erwartete einen starken Zulauf neuer Mitglieder. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass sich die Überbelegung des Rasenplatzes noch verstärken würde. Bereits seit Anfang der 80er Jahre gab es seitens der VSG Bestrebungen, die Zeiteinschränkungen für die Rasenplatzbenutzung aufzuweichen. Dieses Thema blieb bis zum 06.06.2003 Chefsache. An diesem Tag fiel in der Vorstandssitzung die Entscheidung zum Umbau des Volksstadions.
Anfang 1989 erhielt die VSG Altglienicke ein Schreiben des DTSB-Kreisvorstandes Treptow mit Weisungen zur Zuständigkeit der Beantragung und zur Durchführung von Sportfahrten in das sozialistische Ausland. Sportfahrten in das kapitalistische Ausland waren in diesem Schreiben natürlich nicht aufgeführt. Jedoch wurden Hinweise gegeben, die bei gemeinsamen Sportveranstaltungen mit NSW-Mannschaften (NSW = Nicht Sozialistisches Weltsystem) zu beachten sind. Derartige Zusammentreffen konnten bei Sportveranstaltungen in den "Bruderländern" nicht ausgeschlossen werden. Wir haben dieses aus erster Sicht eigentlich unwichtige Schreiben in die Rubrik "Geschichte" mit aufgenommen, da hier einige eindeutige politische Dinge für Sportvereine in der DDR aufgeführt sind. Es ist uns nicht mehr bekannt, ob eine Mannschaft der VSG in dieser Zeit eine Sportreise in die "Bruderländer" unternommen hat- wohl eher nicht. Da die Textteile dieses in ORMIG-Kopie erstellten Schreibens auch mit maximaler Scannerauflösung nahezu nicht zu lesen sind, haben wir Teile nachfolgend nochmals als schwarz-kursiv Auszug angefügt. Derartige Auflagen waren aus unserer Sicht ein deutliches Zeichen, dass das System in der DDR auf Dauer nicht bestehen konnte. Derartige Auflagen sind immer ein Zeichen der Angst vor den eigenen Bürgern und vor den Vereinen.
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Ziffer 3: Folgende Grundsätze im internationalen Sportverkehr sind bei der Planerstellung und -bestätigung zu beachten:
-  Im Prinzip sollte eine Mannschaft im Jahr nur einen internationalen  Vergleich mit einer Partnerorganisation bzw. -mannschaft durchführen  (Rückkampf im nächsten Jahr),
- Grundlage für die Aufnahme von Begegnungen mit der VRPolen und der CSSR in die Planung sind bestehende Partnerschaften zwischen Sportgemeinschaften der Länder. Unser Kommentar hierzu: und wer bisher keine hatte, darf nicht.  
- Die internationalen Sportbeziehungen zur UdSSR, UVR, VRB und SFR erfolgen vorwiegend  im Rahmen von Partnerbeziehungen der Hauptstädte, Partnerschafts- und  Freundschaftsbeziehungen von Betrieben, Institutionen und Einrichtungen  dieser Länder bzw. traditioneller Verbindungen. Unser Kommentar hierzu: Sportvereine sind damit eigentlich ausgeschlossen.  
- Die internationalen Sportbeziehungen tragen vorwiegend bilateralen Charakter. Unser Kommentar hierzu: Dritte sollten wohl nicht beteiligt sein.
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Ziffer  4: Über die Teilnahme von Mannschaften bei Wettkämpfen im  sozialistischen Ausland, an denen auch Mannschaften aus dem NSW  beteiligt sind, entscheidet das Sekretariat des Bezirksvorstandes. Unser Kommentar hierzu: Wenn Wessis dabei sind geht garnichts.

Ziffer 5: Verfahrensweise zur Erteilung der Start- und Spielgenehmigungen für die VR Polen und die CSSR ab 01.01.1989
a)  Die Sportgemeinschaften des Territoriums reichen bis..... die Anträge  .... an den Kreisvorstand ein. Zuvor müssen diese Anträge von der  BSG-Leitung und dem BFA bestätigt sein. Unser Kommentar hierzu: Die VSG hatte keine BSG-Leitung nur einen Vereinsvorstand.
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c)  Die Anträge müssen als Anlagen die Konzeption der sportlichen und  politisch-organisatorischen Vorbereitung, die Finanzierungsquellen, den  Delegationsleiter, die Teilnehmerlisten und bei der Einreise von  Delegationen das Aufenthaltsprogramm, Zeit- und Spielplan enthalten.
d)  Für die Aus- bzw. Einreise von Mannschaften in die VRPolen bzw. aus der  VRPolen sind für den Grenzübertritt Bestätigungsschreiben auf Kopfbögen  mit Unterschrift und Siegel des Bezirksvorstandes erforderlich.........
e)  10 Tage nach erfolgtem Wettkampf sind 2 Exemplare des Berichtsbogens  über den durchgeführten Wettkampf im Kreisvorstand abzugeben.
f) Über  Anträge für Wettkämpfe mit NSW-Sportlern entscheidet nach wie vor das  Sekretariat des Bezirksvorstandes. Diese Anträge sind wie bisher mit den  entsprechenden Bestätigungsvermerken, der Begründung und allen  Unterlagen quartalsweise an die Abteilung PKJ des Bezirksvorstandes zur  Bestätigung einzureichen. Unser Kommentar hierzu: PKJ- da wo "P" drinn steht, war wohl Partei mit dabei (kann aber auch falsch sein).
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g)  Die Kommission Internationale Arbeit des Kreisvorstandes schult  Delegationsleiter, gibt Anleitungen bei der politisch- ideologischen  Vorbereitung der Wettkämpfe und kontrolliert die Durchführung der  Einweisungsgespräche. Unser Kommentar hierzu: so etwas hat es bei der VSG nie gegeben.  


Ein schöner Rückblick in die  Geschichte des Vereinssports in der DDR. Stand die Nachweisführung für  Sportfahrten damals unter einem extrem politischen Aspekt, so sind die  Nachweise für heutige Sportfahrten (nach der Wende) ausschließlich unter  versicherungstechnischen Gesichtspunkten zu führen. Das ist nicht viel  einfacher.
© VSG Altglienicke e.V.
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