Arbeitersport - Chronik-Geschichte

- Chronik- Geschichtliche Hintergründe -
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

1878 wurde das Sozialistengesetz beschlossen. Dieses verbot Arbeitern sowie sozialdemokratischen bzw. kommunistischen Gruppierungen die Gründung von Vereinen. Dieses Vereinsverbot betraf selbstverständlich auch den Sport. Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes im Jahr 1890 gründete sich in Gera 1893 der Arbeiter-Turnerbund (A.T.B. später ab 1919 umbenannt in Arbeiter Turn- und Sportbund A.T.S.B.), da Arbeitern die Mitgliedschaft in der bürgerlichen Deutschen Turnerschaft dem Grunde nach verboten war. Ferdinand Götz war als Vorsitzender der Deutschen Turnerschaft der schärfste Verfechter der Trennung zwischen bürgerlichen und Arbeitersport. Nach seiner Theorie besaß der Arbeitersport weder die sittlich noch die nationale Reife für einen Sportverband im Sinne der Deutschen Turnerschaft. In einem Artikel der Arbeiterturnzeitung aus dem Jahr 1924 wird Ferdinand Götz und die Deutsche Turnerschaft aus Sicht des Arbeitersports charakterisiert (Quelle Wikipedia verschiedene und Staatsbibliothek Arbeiterturnzeitung Ausgabe 1924).
Um die komplette innere Struktur des Arbeitersports in Deutschland zu verstehen, muss man wissen, in welche Dachverbände der gesamte Arbeitersport untergliedert war (Quelle: Staatsbibliothek "Der Arbeitersport" Jahrgang 1920). Dieses waren:
- Kartellverband Groß Berlin
- Arbeiter- Athleten- Bund (gegr. 25.12.1906; Quelle: Wikipedia)
- Touristenverein "Die Naturfreunde"
- Verband für Volksgesundheit
- Arbeiter Radfahrbund Solidarität (gegr. 1896 Offenbach, Quelle:Wikipedia)
- Arbeiter Wassersport Verband
- Arbeiter Turn- und Sport Bund (A.T.B später A.T.S.B.) (gegr. 1893 Gera; Quelle: Wikipedia)
- Arbeiter Schach Bund
- Bund der Arbeitermusikvereine
Der größte Dachverband A.T.B. gliedert sich in Deutschland ähnlich der Struktur der Deutschen Turnerschaft. Er gliederte sich in Kreise (siehe nachfolgende Karte, Quelle: Staatsbibliothek Arbeitersport Ausgabe 1920) sowie innerhalb der Kreise in Bezirke. Altglienicke gehört zum Kreis I- Berlin- Brandenburg und dort zum Bezirk 5. Im A.T.B./A.T.S.B. wurden hauptsächlich betrieben: Turnen, Faust- Raff und Schlagball, Leichtathletik, Hockey, Fußball.
Auch in Altglienicke gab es Arbeitersportvereine. 1906 gründete sich der Bewegungs Spiel Club Freiheit Altglienicke 1906 (Fußball und Leichtathletik), der jedoch in seinen ersten Jahren als verbandsfreier Verein agierte. 1909 gründete sich der SC Jugendlust 1909 als Fußballverein. Beide Vereine fusionierten am 01.06.1912 und schufen somit die Basis eines Beitritts zum Arbeitersport. Ein Altglienicker Radsportclub "Vorwarts" war nachweislich Mitglied im Arbeiter Radsportbund "Solidarität" (der Zeitraum ist uns noch nicht bekannt). Einen ersten Hinweis des Beitritts des BSC Freiheit 06 zum Arbeitesport in Altglienicke findet man in der Zeitschrift "Der Rasensport" mit der Bekanntgabe, dass die Fußballer des BSC Freiheit 06 ein Fußballturnier als Mitglied des Arbeiter Athletenbundes Deutschlands ausrichten.
Nachfolgend ein Nachweis über eine Jahreshauptversammlung des BSC Freiheit 06 vom Januar 1912, eine Mitteilung in der Zeitschrift "Der Rasensport" von der Vereinigung des BSC Freiheit 06 und des SC Jugenslust 09 sowie eine Mitteilung von einer Versammlung des fusionierten Vereins- der SV Altglienicke 06 vom 14.09.1912. (Quelle: jeweils Staatsbibliothek "Der Rasensport" Ausgaben 1912 verschiedene).
Die Vereine BSC Freiheit 06 und SC Jugendlust 09 fusionierten wie oben aufgeführt am 01.06.1912 zur SV Altglienicke 06. Im Buch "Arbeitersport in Berlin und Brandenburg" von Herrn Christian Wolter wird ein weiterer Arbeitersportverein in Altglienicke benannt- der Arbeiter-Turnverein. Otto Hentschel (1.Vorsitzender der SV Altglienicke 06) strebte die Vereinigung dieser Vereine an, die im Jahr 1913 vorbereitet wurde und wahrscheinlich 1914 zum Abschluss gebracht wurde. Dieses belegt ein Protokoll in unseren Unterlagen, welches man anläßlich eines Sportfestes in den 50er-Jahren erstellt hat. Es erinnert an Otto Hentschel und beschreibt diesen Vereinszusammenschluss. Dabei wird die Vereinigung des BSC Freiheit 06 mit dem SC Jugendlust 09 nicht erwähnt, was wahrscheinlich von den Erstellern vergessen bzw. nicht beachtet wurde. Mit den Nachweisen von 1912 und dem Protokoll von 1950 über das Jahr 1913 kann jedoch die Gründung der Turn- und Sportvereinigung Altglienicke 1906 (TuSV Altglienicke 06) belegt werden. Als Gründungsjahr wird im Vereinsnamen 1906 genannt. Das bewerten wir so, dass man das Gründungsdatum eines der Fusionsvereine, nämlich das des BSC Freiheit 06 übernommen hat. Später in 1920 wird über das 14.Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06 in der Zeitschrift "Der Rasensport" berichtet; ein weiterer Beleg für die Bildung und zeitlichen Einordnung der TuSV Altglienicke 06.
Noch haben wir keine eindeutigen Nachweise über die Zugehörigkeit der TuSV Altglienicke 06 zum Arbeitersport in der Zeit von 1914 bis 1918. Das ist sicher auf die Wirren des 1.Weltkrieges zurückzuführen. Erst ab 1919 gibt es sichere Nachweise, dass die TuSV Altglienicke 06 ein Arbeitersportverein war. Nachfolgend das Erinnerungsprotokoll über die Gründung der TuSV Altglienicke 06 sowie der Ausschnitt aus "Der Rasensport" von 1920 mit dem Bericht über das 14.Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06.
Beachtlich in der Mitteilung über das 14.Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06 ist die Teilnehmerzahl von 500 Anwesenden. In der Zeitschrift "Der Arbeitersport" haben wir Informationen gefunden, dass in der TuSV Altglienicke 06 die Abteilungen Fußball, Turnen und Schwerathletik existierten. Die Fußballer waren innerhalb des A.T.S.B. der Märkischen Spiel Vereinigung (M.S.V.) angegliedert, die Turner gehörten direkt zur Sparte Turnen im A.T.S.B. und die Schwerathleten (Ringen und Gewichtheben) waren innerhalb des Arbeitersports Mitglieder des Arbeiter Athleten Bundes. Alle Abteilungen waren aber selbständige Unterabteilungen der TuSV Altglienicke 06 (Quelle: Staatsbibliothek, Der Arbeitersport, Jahrgang 1920). Wir gehen auch davon aus, dass die TuSV Altglienicke 06 über einen gewissen Zeitraum eine Handballsparte hatte, die in der Handballspielvereinigung im A.T.S.B. und später in der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit organisiert war. Leider haben wir bisher noch keine Tabellen oder Spielberichte von den Handballern gefunden.

Im Sommer 1928 beginnt eine Spaltung der Arbeitersportbewegung. Politische Widersprüche zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Strömungen beeinflussen die Verbandsstruktur. Der A.T.S.B. (bisheriger Dachverband der Märkischen Spiel Vereinigung im Fußball sowie Dachverband einer Handballspielvereinigung) schließt Vereine mit kommunistischer Basis sowie die komplette M.S.V. aus seiner Verbandsstruktur aus. Die meisten Arbeiterfußballvereine verbleiben jedoch bei der M.S.V. Im A.T.S.B. wird eine eigenständige neue Fußballvereinigung unter der Bezeichnung „Spielvereinigung des 1.A.T.S.B.-Kreises“ gebildet (Informationen aus Wolter, Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg). Die sich vom A.T.S.B. abspaltenden Verbände und Vereine gründen 1930 die "Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit" als neuen Dachverband.
Man findet Ansetzungen und Ergebnisse von Fußballern der TuSV Altglienicke 06 ab dieser Spaltung weiterhin in der Zeitschrift „Der Arbeiterfußball“, welche über den Fußball in der Märkischen Spiel Vereinigung berichtete. Das ist Beleg dafür, dass die Fußballer der TuSV Altglienicke 06 auch weiterhin der M.S.V. angehörten und sich nicht dem neuen Kartell des A.T.S.B. angeschlossen hatten. Wir denken, dass die Handballer ebenfalls diesen Dachverbandswechsel in den Jahren 1929-1930 durchgeführt haben (zu welchem Unter-Dachverband der Kampfgemeinschaft auch immer- das wissen wir noch nicht). Nachweislich ist, dass im Handballwettspielbetrieb des A.T.S.B. ab dieser Verbandstrennung keine Mannschaft der TuSV Altglienicke 06 zu finden ist (Quelle: Staatsbibliothek, Zeitschrift "Wurf und Ziel" Jahrgang 1932-1933; als Organ des A.T.S.B. für Handball und Leichtathletik). Eine Sportzeitschrift der "Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit" mit Informationen zum Fußball und zum Handball haben wir bisher noch nicht gefunden. Vielleicht traten die Handballer der TuSV Altglienicke 06 ab dem Jahr 1930 auch dem bürgerlichen MTV Spieß Altglienicke bei; noch völlig unklar. Die Zugehörigkeiten der Abteilungen Turnen und Gymnastik sowie Schwerathletik der TuSV Altglienicke 06 nach der Spaltung des Arbeitersports sind uns derzeit leider noch nicht bekannt; wir haben auch noch keinerlei Spuren gefunden.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.01.1933 wurden per Verfügung vom 21.06.1933 die Dachorganisationen des Arbeitersports sowie alle Arbeitersportvereine verboten und aufgelöst. Ab dem 01.10.1933 konnten unter bestimmten Bedingungen Arbeitersportler Mitglied in bürgerlichen Vereinen oder Fachverbandsvereinen werden. Alle Vereine gehörten damals bereits dem Reichsbund für Leibesübungen in den entsprechenden Fachämtern an. Mit der Auflösung der Arbeitersportvereine endete in Deutschland und natürlich auch in Altglienicke die Existenz des Arbeitersports als selbständige Organisationsform.
© VSG Altglienicke e.V.
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü