Arbeitersport - Chronik-Geschichte

- Chronik- Geschichtliche Hintergründe -
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1878 wurde das Sozialistengesetz beschlossen. Dieses verbot Arbeitern sowie sozialdemokratischen bzw. kommunistischen Gruppierungen die Gründung von Vereinen. Dieses Vereinsverbot betraf selbstverständlich auch den Sport. Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes im Jahr 1890 gründete sich am 22.05.1893 in Gera der Arbeiter-Turner-Bund (A.T.B.; am 12.06.1919 in Leipzig auf dem 12.Bundestag umbenannt in Arbeiter Turn- und Sport Bund A.T.S.B.), da Arbeitern die Mitgliedschaft in der bürgerlichen Deutschen Turnerschaft dem Grunde nach verboten war. Ferdinand Götz war als Vorsitzender der Deutschen Turnerschaft der schärfste Verfechter der Trennung zwischen bürgerlichen und Arbeitersport. Nach seiner Theorie besaß der Arbeitersport weder die sittlich noch die nationale Reife für einen Sportverband im Sinne der Deutschen Turnerschaft. In einem Artikel der Arbeiterturnzeitung aus dem Jahr 1924 wird Ferdinand Götz und die Deutsche Turnerschaft aus Sicht des Arbeitersports charakterisiert (Quellen: Wikipedia verschiedene; Staatsbibliothek Arbeiterturnzeitung Ausgabe 1924; Skorning- Fußball in Vergangenheit und Gegenwart).
Um die komplette innere Struktur des Arbeitersports in Deutschland zu verstehen, muss man wissen, in welche Dachverbände der gesamte Arbeitersport untergliedert war (Quelle: Staatsbibliothek "Der Arbeitersport" Jahrgang 1920). Dieses waren:
- Kartellverband Groß Berlin
- Arbeiter- Athleten- Bund (gegr. 25.12.1906; Quelle: Wikipedia)
- Touristenverein "Die Naturfreunde"
- Verband für Volksgesundheit
- Arbeiter Radfahrbund Solidarität (gegr. 1896 Offenbach, Quelle:Wikipedia)
- Arbeiter Wassersport Verband
- Arbeiter Turn- und Sport Bund (A.T.B später A.T.S.B.) (gegr. 1893 Gera; Quelle: Wikipedia)
- Arbeiter Schach Bund
- Bund der Arbeitermusikvereine
Der größte Dachverband A.T.B. gliedert sich in Deutschland ähnlich der Struktur der Deutschen Turnerschaft. Er gliederte sich in Kreise (siehe nachfolgende Karte, Quelle: Staatsbibliothek Arbeitersport Ausgabe 1920) sowie innerhalb der Kreise in Bezirke. Altglienicke gehört zum Kreis I- Berlin- Brandenburg und dort zum Bezirk 5.
Im A.T.B. wurden ab 1893 hauptsächlich Turnen, Gymnastik und Leichtathletik betrieben. Später wurden Ballspiele beliebt und der A.T.B. beschloss, Ballspielsparten zu gründen. Hierzu gehörten anfänglich Faust- Raff und Schlagball. Am 01.06.1909 beschloss der A.T.B. auf dem 9. A.T.B.-Bundestag in Köln, dass man "Spielvereine", die die Regeln und Statuten des A.T.B. anerkannten, die Mitgliedschaft im A.T.B. gestattet. In "Skorning- Fußball in Vergangenheit und Gegenwart, Sportverlag Berlin 1978" wird dieser Tag als der Beginn des Arbeiterfußballs in Deutschland bezeichnet. Vielleicht ist dieser Beschluss auch der Grund dafür, dass sich in Altglienicke im Jahr 1909 drei Fußballvereine gründeten, trotzdem diese nach ihrer Gründung nicht Mitglied im A.T.B. wurden, sondern anfänglich einen verbandsfreien Spielbetrieb durchführten.

Nachfolgend einige Ausführungen zum Verhältnis der Altglienicker Sportvereine zum Arbeitersport. Der MTV Spieß Altglienicke war von seiner Gründung im Jahr 1883 bis zu seiner Auflösung im Jahr 1945 immer Mitglied des bürgerlichen Sports und kann somit nicht mit dem Arbeitersport in Verbindung gebracht werden. 1906 gründete sich der Bewegungs Spiel Club Freiheit Altglienicke 1906 (Fußball und Leichtathletik), der jedoch in seinen ersten Jahren als verbandsfreier Verein agierte. Einen ersten Hinweis des Beitritts des BSC Freiheit 06 zum Arbeitesport in Altglienicke findet man in einer Ausgabe von "Der Rasensport" aus dem Jahr 1911 mit der Bekanntgabe, dass die Fußballer des BSC Freiheit 06 ein Fußballturnier als Mitglied des Arbeiter Athletenbundes Deutschlands ausrichten. 1909 gründete sich der SC Jugendlust 1909 als Fußballverein. Beide Vereine fusionierten am 01.06.1912 und schufen somit die Basis eines Beitritts zum Arbeitersport. Ein Altglienicker Radsportclub "Vorwarts" war nachweislich Mitglied im Arbeiter Radsportbund "Solidarität" (der exakte Zeitraum ist uns noch nicht bekannt).
Der im Jahr 1909 gegründete Fußballverein SC Berolina Altglienicke 1909 führte verbandsfreie Spiele durch und wurde wahrscheinlich Ende 1910 aufgelöst. Er war somit nie Mitglied im A.T.B. Im September 1909 gründete sich der Fußballverein Altglienicker Ballspiel Club 1909. Auch dieser Verein führte bis in den Sommer 1911 nur verbandsfreie Spiele durch, wurde ab dem 01.07.1911 Mitglied im Verband Brandenburgischer Ballspielvereine (Deutscher Fußball Bund) und war somit auch niemals Mitglied eines Arbeiterssport-Dachverbandes. Weiterhin haben wir ein Foto eines Vereinsabzeichens Freie Turner Altglienicke erhalten. Von diesem Verein haben wir noch keine Nachweise (ggf. Vorgänger des Arbeiter Turnvereins; siehe nachfolgend). Dem Namen nach sollte dieser Verein im Arbeitersport organisiert gewesen sein.

Nachfolgend ein Nachweis über eine Jahreshauptversammlung des BSC Freiheit 06 vom Januar 1912, eine Mitteilung in der Zeitschrift "Der Rasensport" von der Vereinigung des BSC Freiheit 06 und des SC Jugenslust 09 sowie eine Mitteilung von einer Versammlung des fusionierten Vereins- der SV Altglienicke 06 vom 14.09.1912. (Quelle: jeweils Staatsbibliothek "Der Rasensport" Ausgaben 1912 verschiedene).
Die Vereine BSC Freiheit 06 und SC Jugendlust 09 fusionierten wie oben aufgeführt am 01.06.1912 zur SV Altglienicke 06. Im Buch "Arbeitersport in Berlin und Brandenburg" von Herrn Christian Wolter wird ein weiterer Arbeitersportverein in Altglienicke benannt- der Arbeiter-Turnverein. Otto Hentschel (1.Vorsitzender der SV Altglienicke 06) strebte die Vereinigung dieser Vereine an, die im Jahr 1913 vorbereitet wurde und wahrscheinlich 1914 zum Abschluss gebracht wurde. Dieses belegt ein Protokoll in unseren Unterlagen, welches man anläßlich eines Sportfestes in den 50er-Jahren erstellt hat. Es erinnert an Otto Hentschel und beschreibt diesen Vereinszusammenschluss. Dabei wird die Vereinigung des BSC Freiheit 06 mit dem SC Jugendlust 09 nicht erwähnt, was wahrscheinlich von den Erstellern vergessen bzw. nicht beachtet wurde. Mit den Nachweisen von 1912 und dem Protokoll von 1950 über das Jahr 1913 kann jedoch die Gründung der Turn- und Sportvereinigung Altglienicke 1906 (TuSV Altglienicke 06) belegt werden. Als Gründungsjahr wird im Vereinsnamen 1906 genannt. Das bewerten wir so, dass man das Gründungsdatum eines der Fusionsvereine, nämlich das des BSC Freiheit 06 übernommen hat. Später in 1920 wird über das 14.Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06 in der Zeitschrift "Der Rasensport" berichtet; ein weiterer Beleg für die Bildung und zeitlichen Einordnung der TuSV Altglienicke 06.
Noch haben wir keine eindeutigen Nachweise über die Zugehörigkeit der TuSV Altglienicke 06 zum Arbeitersport in der Zeit von 1914 bis 1918. Das ist sicher auf die Wirren des 1.Weltkrieges zurückzuführen. Erst ab 1919 gibt es sichere Nachweise, dass die TuSV Altglienicke 06 ein Arbeitersportverein war. Nachfolgend das Erinnerungsprotokoll über die Gründung der TuSV Altglienicke 06 sowie der Ausschnitt aus "Der Rasensport" von 1920 mit dem Bericht über das 14.Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06.
Beachtlich in der Mitteilung über das 14.Stiftungsfest der TuSV Altglienicke 06 ist die Teilnehmerzahl von 500 Anwesenden. In der Zeitschrift "Der Arbeitersport" haben wir Informationen gefunden, dass in der TuSV Altglienicke 06 die Abteilungen Fußball, Turnen und Schwerathletik existierten. Die Fußballer waren innerhalb des A.T.S.B. der Märkischen Spiel Vereinigung (M.S.V.) angegliedert, die Turner gehörten direkt zur Sparte Turnen im A.T.S.B. und die Schwerathleten (Ringen, Boxen und Gewichtheben) waren innerhalb des Arbeitersports Mitglieder des Arbeiter Athleten Bundes. Alle Abteilungen waren aber selbständige Unterabteilungen der TuSV Altglienicke 06 (Quelle: Staatsbibliothek, Der Arbeitersport, Jahrgang 1920). Wir gehen auch davon aus, dass die TuSV Altglienicke 06 über einen gewissen Zeitraum eine Handballsparte hatte, die in der Handballspielvereinigung im A.T.S.B. und später in der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit organisiert war. Leider haben wir bisher noch keine Tabellen oder Spielberichte von den Handballern gefunden.

Auf dem 16.Bundestag des A.T.S.B. vom 23. bis 26.06.1928 in Leipzig beginnt die Spaltung der Arbeitersportbewegung. Politische Widersprüche zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Strömungen beeinflussen die Verbandsstruktur. Der A.T.S.B. (u.a. bisheriger Dachverband der Märkischen Spiel Vereinigung im Fußball sowie Dachverband einer Handballspielvereinigung) schließt Vereine mit kommunistischer Basis sowie die komplette Märkische Spiel Vereinigung (M.S.V.) aus seiner Verbandsstruktur aus. Die meisten Arbeiterfußballvereine verbleiben jedoch bei der M.S.V. Im A.T.S.B. wird u.a. eine eigenständige neue Fußballvereinigung unter der Bezeichnung „Spielvereinigung des 1.A.T.S.B.-Kreises“ gebildet (Informationen aus Wolter, Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg). Die vom A.T.S.B. ausgeschlossenen Vereine beschließen am 26.05.1929 die Bildung einer Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport (IG). Zu einer Wiedervereinigung kommt es jedoch  nicht. In der IG organisieren sich bis 1930 ca. 570 Vereine aus allen Teilen Deutschlands. Auf Grund der Vielzahl der Verein beschließt die IG zu Pfingsten 1930 ein 1.Reichstreffen der "Revolutionären Kräfte des Arbeitersportes" in Erfurt durchzuführen. An dieser Veranstaltung nehmen ca. 40000 Sportler teil. Auf Grund der hohen Mitgliederzahl beschließt die IG eine neue Struktur und gründet als Nachfolgeorganisation am 07.12.1930 die "Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit (KG)" als neuen Dachverband. Im Vorstand der KG wirken u.a. Ernst Grube und Paul Zobel mit, nach denen in der DDR zwei Berliner Sportanlagen benannt wurden (ehemaliger Sportplatz in Spindlersfeld/Sportplatz von Einheit Pankow). (Quellen: u.a. Skorning, Fußball in Vergangeheit und Gegewart, Sportverlag Berlin 1978).
Man findet Ansetzungen und Ergebnisse von Fußballern der TuSV Altglienicke 06 ab der Spaltung der Arbeitersportbewegung weiterhin in der Zeitschrift „Der Arbeiterfußball“, welche über den Fußball in der Märkischen Spiel Vereinigung berichtete. Das ist Beleg dafür, dass die Fußballer der TuSV Altglienicke 06 auch weiterhin der M.S.V. angehörten und sich nicht der neuen Fußballvereinigung des A.T.S.B. angeschlossen hatten. Wir denken, dass die Handballer ebenfalls diesen Dachverbandswechsel in den Jahren 1929-1930 durchgeführt haben (zu welchem Unter-Dachverband der Kampfgemeinschaft auch immer- das wissen wir noch nicht). Nachweislich ist, dass im Handballwettspielbetrieb des A.T.S.B. ab dieser Verbandstrennung keine Mannschaft der TuSV Altglienicke 06 zu finden ist (Quelle: Staatsbibliothek, Zeitschrift "Wurf und Ziel" Jahrgang 1932-1933; als Organ des A.T.S.B. für Handball und Leichtathletik). Eine unmittelbare Sportzeitschrift der "Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit" mit Informationen über alle Sportarten der KG haben wir bisher noch nicht gefunden. Vielleicht traten die Handballer der TuSV Altglienicke 06 ab dem Jahr 1930 auch dem bürgerlichen MTV Spieß Altglienicke bei; noch völlig unklar. Die Zugehörigkeiten der Abteilungen Turnen und Gymnastik sowie Schwerathletik der TuSV Altglienicke 06 nach der Spaltung des Arbeitersports sind uns derzeit leider noch nicht bekannt; wir haben auch noch keinerlei Spuren gefunden.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.01.1933 wurden per Verfügung vom 21.06.1933 die Dachorganisationen des Arbeitersports sowie alle Arbeitersportvereine verboten und aufgelöst. Ab dem 01.10.1933 konnten unter bestimmten Bedingungen Arbeitersportler Mitglied in bürgerlichen Vereinen oder Fachverbandsvereinen werden. Alle Vereine gehörten damals bereits dem Reichsbund für Leibesübungen in den entsprechenden Fachämtern an. Mit der Auflösung der Arbeitersportvereine endete in Deutschland und natürlich auch in Altglienicke (TuSV Altglienicke 1906) die Existenz des Arbeitersports als selbständige Organisationsform.
© VSG Altglienicke e.V.
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